Pferdetraining: Führen mit Werten


Beate Haussmann und WinnerInterview mit Beate Haussmann von Gudrun Porath
Wer in Moisburg, einem kleinen Dorf in Niedersachsen, nahe Hamburg, ankommt, kann gar nicht anders als sich plötzlich ganz weit weg zu fühlen von der stressigen und schnelllebigen Arbeitswelt. Viel zu ruhig und idyllisch ist es dort, wie aus der Zeit gefallen wirken die alten Bauernhäuser und die große rote Backsteinkirche. Daran ändern auch das neuzeitliche Wohnhaus und die zweckmäßige Reithalle mit den modernen Paddocks auf Beate Haussmanns Pferdehof nichts. Epona-Coachings heißt ihr Unternehmen, in dem sie Pferdetrainings für Führungskräfte anbietet. Was sich bei diesen Trainings zwischen Mensch und Tier abspielt, hat schon so manches Leben verändert und hat gleichzeitig viel mit Authentizität, Respekt, Achtung, Wertschätzung und Vertrauen zu tun. Alles Werte und Prinzipien, die im Arbeitsleben oft verloren gegangen sind und ohne die Führung dennoch auf Dauer nicht funktioniert.

Das Training selbst wird sowohl von Einzelpersonen als auch von Unternehmen gebucht. Es dauert, je nach Wahl, ein bis zwei Tage. In dieser Zeit finden fünf bis acht Übungen statt. Die Übungen sind bei allen Trainings gleich, einen Unterschied macht allein die Bedeutung, die ihnen die Teilnehmer geben. Die Pferde haben dazu keine spezielle Ausbildung, wenn sie nicht gerade Führungskräfte trainieren, leben sie in der Herde auf großen Wiesen oder gehen im therapeutischen Reitunterricht. Eine Besonderheit gibt es aber doch: Beate Haussmanns Pferde dürfen „nein sagen“, wenn sie eine Aufgabe nicht erfüllen wollen.


Frage:
Wenn die Teilnehmer, zum Beispiel Führungskräfte, auf Ihren Hof kommen, sind viele sicher erstmal skeptisch. Wodurch ändert sich das? Wann öffnen sie sich und legen diese Gedanken ab? Was ist der auslösende Moment?

Beate Haussmann: Das mache nicht ich, das machen die Pferde ganz allein. Es ist immer wieder faszinierend. Wenn die Pferde in die Halle kommen und die Musik losgeht ist das so beeindruckend, dass die Leute alles vergessen und emotional berührt sind. Das geht direkt ans Herz und es ist ganz unerheblich, ob es sich um kleine oder große Pferde handelt, ob sie buckeln, ruhig dastehen oder sich wälzen und bewegen. Man kann das nicht nachempfinden, wenn man sich die Videos dazu ansieht und die Beschreibungen liest. Das muss man selbst erleben um zu verstehen, wie beeindruckend das ist und welchen Impuls dieses Erlebnis auslösen kann.

Frage:
Worin besteht die Aufgabe bei dieser Übung?

Beate Haussmann: Die Teilnehmer sollen die Pferde beobachten und herausfinden, wer der Chef der Truppe ist. Wir fragen dann immer, was ist euch aufgefallen? Wer hat sich zuerst hingelegt? Dabei tippen die meisten auf das größte Pferd, unseren Winner. Und wenn wir denen dann erzählen, das der kleinste und unscheinbarste der Chef ist, sind alle immer ganz verblüfft.

Frage:
Passiert an dieser Stelle schon eine Übertragung auf das Arbeitsleben?

Beate Haussmann: Wenn noch nicht hier, dann garantiert in der nächsten Übung. Dabei muss ein Teilnehmer den Pferden große Ringe um den Hals legen. Das ist gar nicht so einfach, denn die sind ja nicht angebunden und können jederzeit weglaufen. Man muss dazu die richtige Balance finden zwischen Abstand und Nähe. Wir beobachten währenddessen genau die Reaktion der Gruppe, die die Szene beobachtet. Wenn die anderen Teilnehmer zum Beispiel über ihren Kollegen lachen, reden wir gleich darüber, denn das sagt etwas aus über die Kultur im Unternehmen. Gibt es dort eine Fehlerkultur? Sind Fehler zugelassen? Die Teilnehmer kommen in der Regel ganz schnell selbst auf den wunden Punkt.

Frage:
Manche Leute meinen sicher, wer sich schon mit Pferden auskennt, dem bringe das Training nichts und der sei im Vorteil. Ist das tatsächlich so?

Beate Haussmann: Überhaupt nicht. Wir hatten auch schon Reiter, Reiterinnen oder sogar Reitlehrer dabei, die kamen mit den Übungen nicht besser oder schlechter klar als Leute, die sich gar nicht mit Pferden auskennen. Man muss nur authentisch sein, mit dem Gegenüber Kontakt aufnehmen und zu einem Einvernehmen kommen. In diesem Fall ist das Gegenüber nunmal ein Pferd, aber das reagiert auch nicht anders als ein Mensch, mit dem Unterschied, dass es ihm egal ist wie du aussiehst und redest und dass es dir schneller eine zweite Chance gibt und nicht nachtragend ist, solange man es nicht misshandelt. Wenn du dich verstellst, das funktioniert nicht. Das gilt für so ziemlich alle Situationen, in denen wir mit anderen interagieren und auch für uns selbst. Du musst immer du selbst sein. Ob mit oder ohne Pferd.

Frage:
Bei einer anderen Übung müssen die Teilnehmer ihr Pferd um vier Ständer in der Halle führen. Was ist der Zweck, was können sie dabei lernen?

Beate Haussmann: Bei dieser Übung geht es darum, das Pferd dabei am lockeren Strick zu halten. Da gibt es Teilnehmer, zum Beispiel Männer, die nicht unbe- dingt feinfühlig erscheinen, die kommen zurück und sagen, „das war schön, ganz warm“ – und die anderen Teilnehmer gucken ganz entgeistert, weil sie ihren Kollegen so gar nicht kennen. Dann werden sie gefragt, wie sie die Situation beobachtet haben und was sie dabei empfunden haben. Eine regelmäßige Antwort ist dann, „das hat sich harmonisch angefühlt“, oder „das hat er gut gemacht“. Dann geht der nächste los und sagt, „oh, war das schön.“

Manchmal lasse ich auch zwei Pferde führen, das klappt nicht bei jedem. Man lernt so vielleicht über sich, das man eins zu eins viel besser kann als in der Gruppe, dass manche etwas mehr Führung brauchen, andere dagegen weniger. Wichtig ist auch, dass sich die Teilnehmer „ihr“ Pferd selbst aussuchen können. Manche suchen sich ein schwierigeres Pferd aus, dann klappt es vielleicht nicht. Auch das kann man auf das wirkliche Leben übertragen.

Frage:
Nach jeder Übung wird darüber gesprochen, was die Teil- nehmer beobachtet haben und derjenige, der gerade mit dem Pferd gearbeitet hat, erzählt ebenso, wie er sich gefühlt hat. Wie wichtig ist dieses Feedback?

Beate Haussmann: Wichtig ist vor allem, dass dieses direkte Feedback stattfindet. Eigentlich ist es sogar ein dreifaches Feedback. Einmal bekommt man das direkte Feedback vom Pferd, dann das von den anderen Teilnehmern. Dazu haben mir schon viele Teilnehmer gesagt, sie hätten noch nie erlebt, dass in so einer kurzen Zeit ein so offenes und ehrliche Feedback gegeben wird. Das überträgt sich von den Pferden, die ja immer ehrlich sind. Das dritte Feedback ist das Video, in dem man sich selbst sieht und dabei noch einiges entdeckt. Zum Beispiel, das man den Strick unbewusst ganz kurz hält oder viel zu lang, was man gar nicht bemerkt hat in der Situation, weil man ganz damit be- schäftigt war, die Aufgabe zu schaffen. Oder sogar, dass man sich selbst gar nicht wiedererkennt, nach dem Motto „das bin nicht ich“. So merkt man ziemlich schnell, dass eventuell etwas schief läuft im Leben.

Frage:
Bis auf den Rahmen geben Sie ja nicht unbedingt vor, wie man eine Aufgabe lösen kann.

Beate Haussmann: Das ist Absicht, denn man soll möglichst instinktiv handeln. So wird Kreativität und eigenständiges Denken freigesetzt. Es kommt etwas in Gang, wenn man sich auf die Beziehung mit dem Pferd einlässt und merkt, dass das nur funktioniert, wenn man ganz bei sich selbst ist. Dabei spielen sehr viele Emotionen mit, die natürlich auch durch die besondere Situation und das Tier ausgelöst werden. So kann ein Impuls ausgelöst werden, der einen Prozess in Gang setzt, in dessen Verlauf ein Teilnehmer sein Leben ändert. Das kann auch in einer Kündigung enden. Den Unternehmen, die mit ihren Mitarbeitern bei uns zum Training kommen sagen wir das vorab. Die müssen sich dessen bewusst sein, dass ein Mitarbeiter durch das Training zum Beispiel erkennt, dass er da gar nicht reinpasst.

Frage:
In der nächsten Übung geht es darum, dass das Pferd einem folgt, ohne dass man es festhält.

Beate Haussmann: Bei dieser Übung sollen die Teil- nehmer erkennen, dass es ohne Respekt kein Ver- trauen gibt und dass man dazwischen eine Balance finden muss. Das ist eine Übung im Picadero, einem abgezäunten Viereck. Darin kann das Pferd frei laufen und es kann sich im Gegensatz zu einem runden Aus- lauf dem Teilnehmer entziehen. Es kann sich in die Ecke stellen und jeden der von hinten kommt weghauen. Die Teilnehmer sollen erreichen, dass das Pferd ihnen freiwillig folgt. Am Anfang gibt es die Anweisung, dass du das Pferd treiben sollst, ohne es zu berühren. Dazu kann man zum Beispiel die Arme benutzen, die man auf und ab bewegt. Damit erzeugt man beim Pferd Respekt. Die Kunst ist ja, sich nahe zu kommen, und trotzdem noch Respekt voreinander zu haben. Das äußert sich beim Pferd, indem es einem auch ohne Strick ganz freiwillig folgt. Dieses Gefühl ist immer wieder überwältigend und treibt auch er- wachsenen Männern Tränen in die Augen.

Frage:
Ist es wirklich notwendig, immer wieder zu betonen, wie wichtig Achtung und Respekt sind, sich zuzuhören und aufeinander einzugehen? Das hört sich so einfach an.

Beate Haussmann: Stimmt, aber offensichtlich ist es das nicht. Das merken wir auch, wenn es bei unseren Trainings um Führen aus dem Hintergrund geht. An dieser Übung verzweifeln viele Leute. Dafür braucht man auch am meisten Zeit. Die Übung ist so aufge- baut, dass man ein Pferd bekommt, das aufgezäumt ist, wie wenn es vor einen Wagen gespannt werden soll. Nur ohne Wagen und Deichsel. Stattdessen steht der Teilnehmer hinter dem Pferd und hält die langen Zügel, um es vorwärts zu bewegen. In der Regel er- läutere ich vorher die verschiedenen Führungspositionen und frage die Teilnehmer nach ihrer Meinung, welche eine dominante Führungsposition ist: Vor, neben oder hinter dem Pferd. Das können die meisten nur schwer einschätzen. Tatsächlich ist die dominan- teste Führungsposition die, wenn du vor dem Pferd stehst und die Richtung vorgibst. Übertragen auf den Führungsalltag bedeutet das, du hast die Macht und der Mitarbeiter kaum Entfaltungsmöglichkeiten. Damit kappt man jegliche Kreativität.

Wenn du hinter demPferd stehst, hat es am meisten Entfaltungsmöglichkeiten. Da kannst du nur supporten. Wenn dann das Verhältnis zwischen euch nicht stimmt, kannst du machen was du willst, es passiert gar nichts. Stehst du neben dem Pferd, ist dagegen Kooperation möglich. Ein idealer Chef kann unserer Meinung nach zwischen diesen drei Positionen wechseln und erkennt, welche er einnehmen muss, damit der Laden läuft. Noch idealer ist, wenn der Laden allein läuft. Alles hören, alles sehen, da sein, wenn man gebraucht wird. Dazu muss man ständig an sich arbeiten. Was liegt dir, was liegt dir nicht so, woran musst du arbeiten – das lernst du bei der Arbeit mit dem Pferd sehr schnell.

Frage:
Im Unternehmen geht es ja immer auch darum, Ziele zu erreichen. Wie lässt sich das auf das Pferdetraining übertragen?

Beate Haussmann: Ziele zu erreichen, das ist die letzte Übung bei den eintägigen Trainings. Dabei geht es darum, mit dem Pferd Hindernisse zu überwinden auf dem Weg zum Ziel. Das Ziel setzt man sich selbst. Außerdem werden die Barrieren und das Ziel mit Be- deutung versehen. Das können individuelle Ziele sein, Gruppenziele oder Unternehmensziele. Dann setzt man sich zusammen und versieht jedes Hindernis mit einer Bedeutung. Dabei stellt sich oft heraus, dass die Barrieren die eigentliche Herausforderung sind. Ein eindrucksvolles Beispiel habe ich bei einem Training, mit dem ein Change-Prozess nach der Fusion mit einem größeren Partner begleitet wurde. Ziel war es, dass die Mitarbeiter bei diesem Prozess mitziehen. Viele hatten Angst, dass sie dabei auf der Strecke bleiben. Trotzdem wollten die Chefs natürlich, dass sie motiviert weiter arbeiten. Das Ergebnis war letztend- lich, dass die Mitarbeiter direkt nach dem Training gesagt haben, wir werden unser bestes geben, egal, ob wir hinterher einen Job haben oder nicht. Wir sind es uns wert und wir sind es uns schuldig und unserem Unternehmen auch. Wir sind ein Team und machen diesen Prozess gemeinsam, egal, wie es für uns ausgeht, ob wir hinterher auf der Straße stehen oder nicht. Die waren emotional richtig aufgeladen und haben gleichzeitig sehr viel über sich gelernt, indem sie ihre Wirkung auf die Pferde reflektiert haben.


Quelle:
we_magazine
http://www.we-magazine.net/we_leadership-volume-05/the-power-of-horse-sense-leadership-through-values/